Elefanten in Namibia, einst deutsche Kolonie - Bremen sehenswert

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Bremen sehenswertAnti-Kolonial-Denkmal "Elefant"

 

Verlässt man den Hauptbahnhof in Richtung Messehallen und wendet sich am Ende des Bahnhofsvorplatzes nach rechts, trifft man wenige Meter entfernt in einem von mehreren Straßen flankierten baumbestandenen Grünstreifen, dem Nelson-Mandela-Park, auf ein Stück Afrika in der Hansestadt, zumindest symbolisch: das Denkmal „Elefant“. Wohl kein anderes Tier repräsentiert die Fauna des südlichen Afrikas so eindrucksvoll, wie die grauen Riesen.

Anti-Kolonional Denkmal der Elefant - Bremen sehenswert

Der Elefant im Nelson-Madela-Park auf seinem Sockel, in dem sich ein Raum befindet

Aber was hat das mit Bremen zu tun? Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 (tatsächlich erstreckte sich die Gründungsphase über einen längeren Zeitraum) und der Proklamation des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. zum Deutschen Kaiser Wilhelm I., stieg Deutschland zu einer Großmacht in Europa auf. Unter dem Motto „Ein Platz an der Sonne“, wie der spätere Reichskanzler von Bülow es 1897 im Reichstag ausdrückte, wollte das Kaiserreich bald teilhaben an der Verteilung des verbliebenen vermeintlichen Niemandslandes in der Welt. Nicht ganz konfliktfrei wuchs das Deutsche Reich nach 1884 zunächst unter dem Reichskanzler Otto von Bismarck neben anderen Staaten Europas wie England, Frankreich und Russland flächenmäßig zur viertgrößten Kolonialmacht. Unter den in Besitz genommenen Gebieten lagen weite Teile in Afrika wie das heutige Togo oder Kamerun, Deutsch-Ostafrika, das heute Tansania und Teilen angrenzender Staaten entspricht und Deutsch-Südwest-Afrika, heute Namibia.

Bismarck sprach nicht von Kolonien, sondern von Schutzgebieten. Dass dort vor allem deutsche Handels- und Machtinteressen auch gegen die ursprünglichen Bewohner der Regionen geschützt wurden, zeigt der Völkermord an den Ovaherero und Ovambanderu in Deutsch-Südwest-Afrika im Jahre 1904. Generalleutnant Lothar von Trotha befehligte die extra verstärkte deutsche rund 15.000 Mann starke Schutztruppe, die unter den einheimischen Völkern ein Blutbad anrichtete bzw. sie dem Tod in der wasserlosen Region Omaheke aussetzte. Bis zu 65.000 Männer, Frauen, Kinder und das Vieh der Hirtenvölker sollen so zu Tode gebracht worden sein, genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Zahl der Opfer war sehr hoch. Später richtete sich der Vernichtungsfeldzug der Truppe gegen die Nama und Damara, der weitere 10.000 Opfer forderte. Viele weitere Menschen starben in Internierungslagern durch Mangelernährung und durch Zwangsarbeit. Erst 2015 sprach eine deutsche Regierung in diesem Zusammenhang von Völkermord, freilich ohne damit wie auch immer geartete Verpflichtungen anzuerkennen. Heute erinnert ein Mahnmal (OHAMAKARI) in Form eines Kreises aus Steinen aus der betreffenden Region Waterberg vor dem Anti-Kolonial-Denkmal "Elefant" an dieses Verbrechen.

OHAMAKARI - Mahnmal für die Opfer des Völkermords in Namibia

OHAMAKARI - Mahnmal für die Opfer des Völkermords in Namibia

Es war der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz, der 1883 in der kleinen, von dem portugiesischen Seefahrer Bartolomeu Diaz im 15. Jh. entdeckten und so benannten Bucht Angra Pequena im heutigen Namibia landete und 1884 das umliegende Land unter betrügerischen Umständen "erwarb", das wenig später fortan unter dem "Schutz" des Deutschen Reiches stand. Allerdings erwies sich die Gegend entgegen Lüderitz’ Erwartungen nicht als rohstoffreich, weshalb er seinen "Erwerb" aus wirtschaftlicher Not bereits ein Jahr später an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verkaufte. Im darauf folgenden Jahr starb er und die Bucht wurde ihm zu Ehren in Lüderitzbucht umbenannt. Der Name ist bis heute zumindest inoffiziell geblieben, wie die 1883 gegründete Hafenstadt Lüderitz. Lüderitz war nicht nur erster Deutscher, der Land im heutigen Namibia besaß, er schuf damit die Keimzelle der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika. Bremen ist spätestens seit der Hansezeit ein Tor zur Welt über den Seeweg und so waren es auch andere Bremer Kaufleute, die in den Kolonialwarenhandel involviert waren und die Häfen der Stadt, die Ankunfts- und Abfahrtort waren.

Deutschland verlor nicht nur den selbst entfachten Ersten Weltkrieg, sondern 1919 auch alle Kolonien weltweit. Doch manch einer empfand die Kapitulation und die teils harten Bedingungen der Siegermächte als Schmach sowie den Verlust der Kolonien als Enteignung. Man kann das Deutsche Kolonial-Ehrenmal nach einem Entwurf des Münchener Bildhauers Fritz Behn, eben jenen afrikanischen Elefanten, als Ausdruck dessen verstehen. Auftraggeber des Backsteinbaus war die Deutsche Kolonialgesellschaft, die das Denkmal am 6. Juli 1932 einweihte. In der traditionell eher weltoffenen Hansestadt war der Bau allerdings bereits damals umstritten, stand er doch nicht nur zum Gedenken an die im Ersten Weltkrieg in den ehemals deutschen Kolonien Gefallenen, sondern auch für die Unterdrückung und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung eben dort. Wie sehr sich dann nur ein Jahr später ab 1933 rassistisches Gedankengut und Großmachtfantasien, die die ehemaligen Kolonien mit einschloss, bei einem nicht unerheblichen Teil der deutschen Bevölkerung Bahn brachen und zu Schrecken, Terror und Tod führten, sollte hinlänglich bekannt sein.

Die afrikanischen Staaten haben sich, teils mit hohem Blutzoll, vom Joch der Kolonialherren befreit, doch viele Probleme sind geblieben und haben ihre Ursachen in jener Zeit der Unterdrückung. Aber Afrika scheint auf einem guten Weg, auch dank deutscher Hilfe.

Der Elefant steht seit Restaurationsarbeiten und der Umwidmung 1989 als Anti-Kolonial-Denkmal für Gleichheit und Gerechtigkeit und als Mahnmal gegen Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung - ein Teil dunkler deutscher Geschichte. Fast wäre der Bau allerdings zu einem Zeichen des Verfalls geworden, denn 2016 waren die Schäden an der Bausubstanz so groß, dass gehandelt werden musste. Schadhafte Steine und Fugenmörtel mussten entfernt und erneuert werden, das ganze Denkmal von Grünbewuchs gründlich gereinigt und vor eindringendem Wasser für die Zukunft geschützt. Die verbauten Moorbrandziegel mussten in einem speziellen Herstellungsprozess extra formgerecht angefertigt werden, was die Kosten von 180.000 Euro für die Sanierung erhöht hat.

Nach mehrmonatigen Arbeiten seit August des Vorjahres konnte das Denkmal im Februar 2017 am seit 2014 sogenannten Nelson-Mandela-Platz feierlich enthüllt werden.

Straßenschild Lüderitzstraße in Bremen

Zwar klärt eine Zusatztafel am Straßenschild darüber auf, dass der Bremer Kaufmann Lüderitz als Mensch aus moralischer Sicht kein guter war, allerdings dachte man zu seinen Lebzeiten und zu Zeiten der Namenswahl offenbar anders

Den Gedenken an die Opfer des Kolonialismus stehen allerdings in der Hansestadt immer noch Ehrungen von Menschen gegenüber, die sich während dieser Zeit durch ihr Handeln einen aus heutiger Sicht unrühmlichen Namen gemacht haben, darauf weist das Bündnis "Decolonize Bremen" hin. Zwar wurden die entsprechenden Straßen in der Vergangenheit nach ihnen benannt, doch ist der erfolgreiche Weg zu einer Umbenennung bis dato schwierig.

Cut.

Ohne die beschriebenen Geschehenisse und die damit verbundene Verantwortung schmälern oder relativieren zu wollen, muss man aus historischer Sicht leider konstatieren, dass Völkermorde oder Genozide, seit 1948 übrigens Straftatbestand im Völkerstrafrecht, blutige Spuren auf fast allen Kontinenten hinterlassen haben, und zwar verteilt über weite Epochen der heute bekannten Menschheitsgeschichte.

An eines dieser menschenverachtenden Ereignisse erinnert ein Khatchkar in dem Grünstreifen etwas abseits des Elefanten. Die Inschrift einer Metalltafel informiert darüber, dass der Khatchkar "zu den ältesten Formen der armenischen Kunst" bis zurück zum Anfang des frühchristlichen 4. Jahrhunderts gehöre. Diese kulturellen Kunstobjekte seien Unikate, wie auch dieses hier, dessen eingearbeitete Symbole Leben, Fruchtbarkeit, Fortdauer, Menschlichkeit und Liebe repräsentierten, so heißt es weiter im Text.

Khatchkar im Nelson-Mandela-Park am Hauptbahnhof

Der Khatchkar erinnert seit 2005 an den damals 90 Jahre zurückliegenden Völkermord an Armeniern im Osmanischen Reiches

Armenien grenzt im Westen an die heutige Türkei, quasi Nachfolgenation des Osmanischen Reiches. Mit dem langsamen und unaufhaltsamen Zerfall des einst so mächtigen Osmanischen Reiches im 19. Jh. nahmen auch die internen Spannungen zwischen den zahlreichen Ethnien zu, Leidtragende waren vor allem die christlichen Armenier. Bei Massakern und Verfolgungen starben in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, aber vor allem in den Jahren 1894-1896, zwischen 80.000 und 300.000 von ihnen. Doch es sollte noch schlimmer kommen. 1915 kommt es zu einer systematischen Vernichtung: Massaker, Todesmärsche, Gefangenenlager, Deportationen. Zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier - Frauen, Kinder, Männer - verloren dabei ihr Leben. Weltweit wird dieses systematische Töten von Zivilisten im damaligen Osmanischen Reich überwiegend als Völkermord anerkannt. Die Türkei weist diese Anschuldigung bis heute allerdings beharrlich zurück und verweist auf den damals herrschenden Kriegszustand (Erster Weltkrieg 1914-1918) und die im Zuge dessen notwendigen Maßnahmen.

So bleiben nicht nur diese, sondern so viele Millionen Tode aus den beiden Weltkriegen, der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten, dem Balkankrieg oder den Kriegen "fernab" - aus europäischer Sicht - in Indochina, Vietnam, in Afghanistan, Äthiopien/Eritrea, im Irak und Sudan oder ..... bis heute ungesühnt: ignoriert, verleugnet, am Ende noch als selbst schuldig am eigenen Schicksal verhöhnt (?). Die kriegerische Geschichte unserer Spezies zeigt, dass der "Nie-Wieder-Wunsch" der gebeutelten Kriegsgenerationen nach Friedensschluss mit dem Aussterben eben jener und der nachfolgenden Generation, die noch die Kriegsfolgen erleben oder die Geschichten anhören durfte / musste, immer weiter ins Hintertreffen gerät.

Und die Elefanten? Sie werden trotz Schutzmaßnahmen weiterhin von Wilderern nur wegen ihrer Stoßzähne in großer Zahl abgeschlachtet. Sinnfrei!

 

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Weitere Informationen

„Der Elefant!“ e.V.
Wachmannstrasse 39
28209 Bremen

 

Übersee-Museum

1896 öffnete das heutige Übersee-Museum unter dem Namen „Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde“ erstmals seine Tore. Die gezeigten Exponate stammten zunächst aus den „Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie“ die in Teilen als „Handels- und Kolonialausstellung“ auf der „Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung“ im Jahre 1890 mit viel Erfolg gezeigt wurden. Seit der Gründung haben sich die Konzeptionen mehrmals gewandelt, bis hin zu einer stärkeren museumspädagogischen Ausrichtung, die bis heute Bestand hat.
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Übersee-Museum - Bremen sehenswert

 

Bürgerpark

Eine grüne Oase in Innenstadtnähe und viel genutztes Naherholungsgebiet ist der Bürgerpark. Die ausgedehnte Anlage, die sich an die heutige Bürgerweide hinter dem Bahnhof anschließt, ist ein von den Bürgern selbst initiierter Park. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man bereits die alten Wehranlagen der Stadt abgebaut und die Wallanlagen in eine Parklandschaft verwandelt. Doch anlässlich der rasant wachsenden Stadt im Laufe des Jahrhunderts wurde der Ruf nach mehr Grünräumen immer lauter.
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Melchersbrücke im Bürgerpark - Bremen sehenswert

 

Schwachhausen - Sehenswertes in Bahnhofsnähe

Der 1913 errichtete Lloyd-Bahnhof am Hauptbahnhof war eine Wartestation für die Auswanderer, die mit den Schiffen des Norddeutschen Lloyd von Bremerhaven aus Europa verließen. Von hier ging die Fahrt zunächst mit dem Zug weiter. Die Reederei ging nach der Fusion mit der Reederei HAPAG in dem Unternehmen HAPAG-Lloyd mit Sitz in Hamburg auf. Schräg gegenüber befindet sich das Anti-Kolonial-Denkmal "Elefant".
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Der Lloyd-Bahnhof am Bremer Hauptbahnhof - Bremen sehenswert

 

Übersee-Museum

1896 öffnete das heutige Übersee-Museum unter dem Namen „Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde“ erstmals seine Tore. Die gezeigten Exponate stammten zunächst aus den „Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie“ die in Teilen als „Handels- und Kolonialausstellung“ auf der „Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung“ im Jahre 1890 mit viel Erfolg gezeigt wurden. Seit der Gründung haben sich die Konzeptionen mehrmals gewandelt, bis hin zu einer stärkeren museumspädagogischen Ausrichtung, die bis heute Bestand hat.
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Übersee-Museum - Bremen sehenswert

 

Weserfahrt Bremen - Bremerhaven

Natürlich kann man für einen Besuch Bremerhavens von Bremen aus das Auto nehmen oder man steigt am Hauptbahnhof in den Regionalzug. Aber bei entsprechendem Wetter und der nötigen Zeit ist es interessanter, die Strecke auf der Weser zurückzulegen. Hal över bedient die Verbindung von Mai bis September. Das Schiff startet ab dem innenstadtnahen Martinianleger an der Schlachte.
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Mit dem Schiff von Bremen nach Bremerhaven - Bremen sehenswert

 

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